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„Gemeinsam sind wir stark!“ – Gastforscherin in Zeiten von Corona

03.06.2020

„Gemeinsam sind wir stark!“ – Das Motto der Bremer Stadtmusikanten gilt in diesen schwierigen Zeiten ganz besonders. Doch nicht erst seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie ziert ein Bild der berühmten Skulptur im Bremer Stadtzentrum das WhatsApp-Profilbild der Meereschemikerin Carol Arnosti, die zurzeit am Bremer Max-Planck-Institut forscht.

„Ich mochte dieses Motto der Stadtmusikanten schon immer“, sagt Carol. Die Bindung der gebürtigen Amerikanerin zu Bremen ist eng. Gleich nach Gründung des hiesigen Max-Planck-Instituts kam sie 1993 als Postdoktorandin in die Hansestadt.

Am Institut entwickelte sie eine Methode, um den Abbau von komplexen Algenzuckern im Meeresboden zu messen. „Ich fühle mich dem Bremer Max-Planck-Institut seit Jahrzehnten sehr verbunden, es hat meinen wissenschaftlichen Werdegang mitgeprägt und auch mein persönliches Leben“, sagt Carol.

Schließlich lernte sie auch ihren Mann hier kennen: Andreas Teske ist ebenfalls Meeresforscher. Er machte während Carols erstem Aufenthalt seine Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie (MPIMM), als erster dortiger Doktorand des Gründungsdirektors Bo Barker Jørgensen. Seitdem zieht es Carol immer wieder zurück – acht Mal hat sie bisher längere Zeit in Bremen, Bremerhaven und Delmenhorst verbracht.

Carol Arnosti im Garten des Bremer Max-Planck-Instituts.
Carol Arnosti im Garten des Bremer Max-Planck-Instituts. (Foto: Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie / K. Matthes)

 

Mittlerweile ist Carol Arnosti Professorin an der Universität von North Carolina, Chapel Hill, an der Ostküste der USA. Das Sabbatical, auf Deutsch auch Sabbatjahr genannt, ist eine Art Sonderurlaub. Die amerikanische Forscherin nutzt diese Zeit, in der sie keine Vorlesungen halten muss, um ihre Forschungen gemeinsam mit KollegInnen am Bremer Max-Planck-Institut voranzutreiben. Sie ist mit ihrem Mann, der derzeit Fellow am Hanse-Wissenschaftskolleg (HWK) in Delmenhorst ist, und mit ihren Kindern am HWK untergebracht. Trotz der Corona-Einschränkungen hat sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschlossen, hier zu bleiben.  

Ihr jetziger Aufenthalt dreht sich ganz um Forschungen zum Abbau von großen Zuckermolekülen, den Polysacchariden, aus denen Phytoplanktonzellen zu einem großen Teil bestehen. In Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus der Abteilung Molekulare Ökologie untersucht sie die verschiedenen Abbauwege dieser Zucker. „Teilweise werden sie von Bakterien sehr schnell abgebaut, teilweise aber nur unter besonderen Bedingungen oder nur durch spezielle Bakterien“, erklärt Carol. Wie schnell und wo genau diese Zucker im Meer abgebaut werden, hat Auswirkungen auf den Kohlenstoffkreislauf. „Meine Arbeit in Bremen und in North Carolina geht verschiedenen Aspekten dieses Problems nach.“

Glück im Unglück: Die Schiffsarbeit ist erledigt

Letztes Frühjahr ging es dazu zunächst aufs Meer: Mit dem Forschungsschiff Endeavor sammelten Carol und ihr Team, zusammen mit Forschenden aus dem Bremer Max-Planck-Institut, Wasserproben im Nordatlantik und führten einige Experimente auf See durch. „Zum Glück haben wir diese Ausfahrt schon letztes Jahr gemacht, denn jetzt liegen fast alle Forschungsschiffe im Hafen“, so Carol. Nun analysiert sie gemeinsam mit ihren MPIMM-Kolleginnen und -Kollegen die Proben, die auf dieser Ausfahrt gesammelt wurden, im Labor. Vom Corona-Virus lässt sie sich dabei nicht aufhalten. „Das Max-Planck-Institut läuft im reduzierten Betrieb, zum Glück können wir die wichtigen Messungen im Labor weiterhin durchführen“, so Carol. „Schreibtischarbeit erledige ich aus unserer Wohnung am HWK in Delmenhorst. So schaffe ich sogar mehr, als ich zu Hause in Chapel Hill machen könnte, denn dort sind alle Labors seit März geschlossen. Und für Diskussionen mit meinen Kolleginnen und Kollegen am MPIMM muss ich mir keine Gedanken über die Zeitverschiebung machen.“

Carols Mann Andreas kann seine Arbeit ebenfalls fortführen: Er arbeitet zusammen mit Kollegen in Bremen und Oldenburg und schreibt am HWK an Berichten und Veröffentlichungen über seine Forschung.

Carol Arnosti an Bord der RV Endeavor beim Sammeln von Proben zur späteren Analyse in Bremen. Von links nach rechts: Rudolf Amann (Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie), Carol Arnosti und Sherif Ghobrial (beide von der Universität North Carolina) und Jan-Hendrik Hehemann (Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie)
Carol Arnosti an Bord der RV Endeavor beim Sammeln von Proben zur späteren Analyse in Bremen. Von links nach rechts: Rudolf Amann (Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie), Carol Arnosti und Sherif Ghobrial (beide von der Universität North Carolina) und Jan-Hendrik Hehemann (Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie). Foto: C. Arnosti

Ein anderer Schulalltag im Sabbatical

Und die Familie? Auch die beiden Töchter von Carol und Andreas fühlen sich hier trotz der schwierigen aktuellen Bedingungen wohl. Eigentlich haben sie sich sehr auf ihren Schulbesuch in Deutschland gefreut, denn schon sechs Semester haben sie in den letzten zwölf Jahren mit teils den gleichen Klassenkameradinnen und -kameraden an Delmenhorster Schulen verbracht. Das ist wegen der Schulschließungen nun zwar nur bedingt möglich, aber immerhin teilweise sind die Schulen mittlerweile wieder offen.

„Die beiden genießen ihre Zeit hier“, sagt Carol. „Sie haben mehr Freiheiten als in den USA, was auch den Klassenzusammenhalt stärkt. So können sie sich zum Beispiel unkompliziert und mit dem Fahrrad oder Bus bewegen – das ist in den USA oft nicht möglich, man ist viel mehr auf das Auto angewiesen. Trotz der Einschränkungen durch die Pandemie lässt es sich für uns gut aushalten.“ Insbesondere die ältere der beiden Töchter hat sogar Extraschichten eingelegt, damit sie wieder in ihre alte Delmenhorster Klasse zurück kann. „Eigentlich ist es in den USA sehr schwierig, in der High School ein Freisemester zu machen. Unsere ältere Tochter hat deswegen letztes Jahr vorgearbeitet und einige High-School-Kurse zusätzlich schon im Voraus belegt, einen anderen besucht sie online. So konnte sie uns nach Deutschland begleiten.“

Stand es zu Beginn der Pandemie denn im Raum, schnell noch das Land zu verlassen und zurück in die USA zu gehen? „Nein, das haben wir nie erwogen“, kommt es ohne Zögern. „Unsere Töchter brauchen ja ihre Zeugnisse. Zudem lebt die Familie meines Mannes hier, und es gibt hier ein wirklich gutes Gesundheitssystem.“ Dann erlaubt Carol uns einen Blick in ihre Familienvergangenheit: „Andreas und ich lesen gerne dicke Geschichtswälzer. Die Lektüre zeigt wirklich, dass es in der Geschichte viel schlimmere Zeiten gegeben hat. Ich denke auch an meinen Großvater, der als Offiziersanwärter im Weltkrieg fast an der Spanischen Grippe starb – der letzten weltweiten Pandemie, mit der Corona heute so oft verglichen wird.“

Carols Fazit: Auch in Zeiten von Corona kann sie ihr Sabbatical genießen und erfolgreich forschen. „Wir haben großes Glück, und es geht uns gut“, resümiert sie. „Natürlich wäre unser Aufenthalt noch schöner, wenn er wie geplant ablaufen würde. Aber auch so ist es gut. Ich genieße diese Zeit sehr bewusst. Denn wer weiß, wann ich das nächste Mal hierherkommen kann – zu meinen geschätzten Kolleginnen und Kollegen und den findigen Stadtmusikanten!“

Die neuesten Publikationen, die im Rahmen der Zusammenarbeit von Carol Arnosti und Forschenden des Max-Planck-Instituts für Marine Mikrobiologie entstanden:

Arnosti C., Wietz M. Brinkhoff T., Hehemann J.-H., Probandt D., Zeugner L., Amann R. (in press): The biogeochemistry of marine polysaccharides: Sources, inventories, and bacterial drivers of the carbohydrate cycle. Annual Review of Marine Science

Reintjes G., Fuchs B.M., Scharfe M., Wiltshire K.H., Amann R., Arnosti C. (2020): Short-term changes in polysaccharide utilization mechanisms of marine bacterioplankton during a spring phytoplankton bloom. Environ. Microbiol. 22: 1884-1900. doi:10.1111/1462-2920.14971.

Reintjes G., Arnosti C., Fuchs B.M., Amann R. (2019): Selfish, sharing, and scavenging bacteria in the Atlantic Ocean: a biogeographic study of microbial substrate utilisation. The ISME J, 13: 1119-1132. doi.org/10.1038/s41396-018-0326-3.

Arnosti C., Reintjes G,. Amann R. (2018): A mechanistic microbial underpinning for the size-reactivity continuum of DOC degradation. Marine Chemistry: 206: 93-99. doi:10.1016/j.marchem.2018.09.008

Rückfragen bitte an:

Carol Arnosti

Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie

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https://marine.unc.edu/people/faculty/arnosti/

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