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Klimawandel begrenzen: Verbund sea4soCiety erforscht Wege, um Kohlenstoffspeicherung in Küstenökosystemen zu erhöhen

27.08.2021
Innovative und gesellschaftlich akzeptierte Ansätze entwickeln, um das natürliche Potenzial für Kohlenstoffspeicherung in vegetationsreichen Küstenökosystemen zu verbessern: So lautet das Ziel des neuen Forschungsverbunds sea4soCiety, an dem das Bremer Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie beteiligt ist. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert den Verbund im Rahmen der ersten Forschungsmission „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“ – kurz: CDRmare – der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM) mit 5,3 Mio Euro.
Seegraswiesen
Seegraswiesen vor der Mittelmeerinsel Elba © Hydra - Institut für Meereswissenschaften

Als einer von insgesamt sechs Forschungsverbünden der Mission „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“ wird sea4soCiety im Laufe der dreijährigen Förderphase fast 40 Wissenschaftler:innen von neun norddeutschen Universitäten und Forschungsinstituten zusammenbringen, um die Speicherkapazität für „blauen Kohlenstoff“ in vier verschiedenen Arten von Küstenökosystemen an den deutschen Nord- und Ostseeküsten, in der Karibik und der Indonesischen See zu quantifizieren und zu analysieren. Martin Zimmer, Leiter der Abteilung Ökologie am ZMT und Professor für Mangrovenökologie an der Universität Bremen, ist für die Koordination des Forschungsvorhabens verantwortlich.

Vegetationsreiche Küstenökosysteme tropischer und gemäßigter Breiten, wie Mangrovenwälder, Seegraswiesen, Salzmarschen oder Tangwälder, nehmen riesige Mengen an Kohlendioxid (CO2) aus der Atmosphäre auf. Allein die Mangrovenwälder in tropischen Regionen binden jährlich 40 bis 60 Millionen Tonnen Kohlenstoff. Das ist ungefähr so viel, wie der Straßenverkehr in Deutschland als Treibhausgase im Jahr ausstößt. Die Salzmarschen des Wattenmeers an der deutschen Nordseeküste lagern jährlich etwa 20.000 Tonnen Kohlenstoff ein. Die Speicherung dieses sogenannten „blauen Kohlenstoffs“ ist eine der wichtigsten Leistungen von Küstenökosystemen.

Salzmarschen
Salzmarschen in Braderup auf der Insel Sylt © Ketil Koop-Jakobsen, AWI

In den vergangenen Jahrzehnten haben Urbanisierung, Erosion oder Umweltverschmutzung viele Ökosysteme in Küstenregionen weltweit in ihren Eigenschaften, Prozessen und Leistungen zunehmend geschädigt. Folglich sank auch die globale Kapazität, den Ausstoß von CO2 durch die Speicherung von „blauem Kohlenstoff“ in Küstenökosystemen zu kompensieren.

„Wir brauchen konkrete Maßnahmen, um diesem Trend entgegenzuwirken, damit Küstenökosysteme weiterhin zur Eindämmung des Klimawandels beitragen können“, erklärt Verbundkoordinator Martin Zimmer. „Wenn diese Ökosysteme wieder mehr Kohlendioxid aufnehmen können, hilft das nicht nur, die Folgen des Klimawandels wie Meeresspiegelanstieg und Extremwettereignisse abzumildern, sondern kommt auch der Artenvielfalt und Produktivität in Küstenregionen zugute, was wiederum zu gesellschaftlichem Wohlergehen und wirtschaftlicher Stabilität beitragen kann.“

Die Forschenden werden naturwissenschaftliche Expertise in Küstenökologie, Chemie, Geologie, Hydrodynamik, Fernerkundung und Modellierung einbringen, um die Speicherkapazität für „blauen Kohlenstoff“ in Seegraswiesen, Algenbeständen, Salzmarschen und Mangroven zu quantifizieren und mit den Depots organischen Materials in unbewachsenen marinen Sedimenten zu vergleichen.

Herkunft, Stabilität und Dynamik der Speicher organischen Materials werden vor Ort und in den Laboren der Verbundpartner analysiert. „Wir analysieren, welche organischen Verbindungen diesen ‚blauen Kohlenstoff‘ speziell ausmachen. Dadurch könnnen wir besser zu verstehen, warum es Unterschiede in der Stabilität und Dynamik gibt“, sagt Dr. Manuel Liebeke vom Max-Planck Institut für Marine Mikrobiologie.

Satellitendaten und Schiffsmessungen dienen dazu, die Biomasse an Land und unter Wasser in den Küstenzonen zu ermitteln. Kommunikation mit der lokalen Bevölkerung, Modelle und Szenarien ermöglichen eine Evaluierung der möglichen Nutzen und Risiken, die eine Flächenvergrößerung der Küstenökosysteme über ihre derzeitigen Bestände hinaus mit sich bringen könnte. 

„Indem wir den jeweiligen Lebensraum charakterisieren, können wir zugleich unbewachsene Küstenregionen identifizieren, die sich eignen würden, um dort benachbarte Küstenökosysteme entweder auszudehnen oder neu anzulegen“, so Zimmer. „Ökosystem-Design, also die Gestaltung von Ökosystemen zur gezielten Wiederherstellung von Ökosystemleistungen, spielt eine zentrale Rolle in unserem Ansatz zur Formulierung von Handlungsempfehlungen für die Zukunft der Küstenökosysteme.“

Sozio-ökologische Komponente des Verbundvorhabens

Geeignete Maßnahmen sollen ökologisch umsetzbar, umweltverträglich sowie rechtlich und ethisch unbedenklich gestaltet sein, so der Anspruch der Forschenden. Damit die Ansätze zur Verbesserung der Kohlenstoffspeicherung in Küstenökosystemen gesellschaftlichen Anforderungen entsprechen, zusätzlichen Nutzen schaffen und auf breiter Akzeptanz beruhen, arbeiten Naturwissenschaftler:innen mit Forschenden aus den Bereichen Humangeografie, Sozioökonomie, Ethik und Rechtswissenschaften im Verbund interdisziplinär eng zusammen.

Auf Basis der Ergebnisse sozio-ökologischer Studien sollen eine Roadmap für die nachhaltige Nutzung mariner Kohlenstoffspeicher erstellt sowie evidenz- und szenarienbasierte Empfehlungen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entwickelt werden. Ausgehend von der lokalen Feldforschung werden diese Vorschläge auf Ebenen von nationaler, internationaler und globaler Relevanz hochskaliert.

„So werden in einem innovativen und partizipativen Ansatz neue Governance-Wege gestaltet, die zusätzlich zur Eindämmung des Klimawandels durch die Bindung von ‚blauem Kohlenstoff‘ lokale Bedürfnisse nach Ökosystemleistungen berücksichtigen“, erklärt die Geografin Beate Ratter vom Centrum für Erdsystemforschung und Nachhaltigkeit (CEN) der Universität Hamburg.

Mangroven und kleine Salzmarsch
Mangroven und kleine Salzmarsch (Bildmitte) in Brasilien © Martin Zimmer, ZMT

„Mit seiner sozio-ökologischen Ausrichtung ist das Projekt im Rahmen der DAM-Forschungsmission ‘Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung‘

in ein multidisziplinäres Netzwerk zur Untersuchung naturwissenschaftlicher, technologischer, gesellschaftlicher, rechtlicher und ethischer Aspekte verschiedener CO2-Entnahmemethoden eingebettet. Somit leistet sea4soCiety einen weiteren und sehr spezifischen Beitrag zum Gesamtziel der Mission“, sagt Gregor Rehder vom Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) und einer der Sprecher der Forschungsmission.

„Indem wir die Kapazität der Küstenökosysteme zur Bindung von Treibhausgasen erhöhen und zusätzliche Ökosystemleistungen sichern, trägt der Forschungsverbund sea4soCiety dazu bei, die Ziele des Pariser Klimaabkommens, der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und der Agenda 2030 der Vereinten Nationen zu erreichen“, fasst Martin Zimmer zusammen.

Antragstellende Mitglieder im Verbund sea4soCiety:

Über die Forschungsmission

In der Forschungsmission „Marine Kohlenstoffspeicher als Weg zur Dekarbonisierung“ – kurz: CDRmare – der Deutschen Allianz Meeresforschung (DAM) untersuchen rund 200 Forschende in sechs Verbundprojekten, wie und in welchem Umfang der Ozean eine nachhaltige Rolle bei der Entnahme und der Speicherung von Kohlendioxid aus der Atmosphäre spielen kann. Langfristiges Ziel ist die Entwicklung einer Roadmap für die aktive Nutzung mariner Kohlenstoffspeicher, die dazu beitragen soll, die Folgen des menschengemachten Klimawandels zu begrenzen und die Pariser Klimaziele zu erreichen. Übergreifend koordiniert wird CDRmare (CDR = Carbon Dioxide Removal = Kohlendioxidentnahme) am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel und am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert die Forschungsmission mit 27 Mio. Euro über eine erste Phase von drei Jahren (1.8.2021 – 31.7.2024). Weitere Informationen: www.cdrmare.de

Die Deutsche Allianz Meeresforschung erarbeitet mit ihren 22 Mitgliedseinrichtungen lösungsorientiertes Wissen und Handlungsoptionen für einen nachhaltigen Umgang mit den Küsten, Meeren und Ozeanen.

Rückfragen bitte an:

Prof. Dr. Martin Zimmer

Telefon: 

+49 421 23800-161

Mobil: 

+49 421 23800-161

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+49 421 23800-30

Pressereferentin

Dr. Fanni Aspetsberger

MPI für Marine Mikrobiologie
Celsiusstr. 1
D-28359 Bremen

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2100

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Dr. Fanni Aspetsberger
 
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