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- 9. bis 22. März 2026
Expedition in die Dunkelheit – jetzt im strahlenden Licht!
Warum sammeln wir Proben im Arktischen Ozean?
Auf den ersten Blick ist der Arktische Ozean nicht gerade lebensfreundlich, insbesondere im Winter. Viele Monate ist es dunkel, die Temperatur kann auf unter -30°C sinken. Unter der Wasseroberfläche jedoch wimmelt es das ganze Jahr lang von Leben. Winzige Algen leben im Wasser und nehmen Kohlendioxid auf, verwandeln es in Biomasse und bilden so die Grundlage des marinen Nahrungsnetzes. Wenn sie sterben, übernehmen die Bakterien: Sie zerlegen die Biomasse, recyclen sie und setzen den Kohlenstoff und die enthaltenen Nährstoffe wieder frei. So geht das bis ganz nach unten: Die sandigen Sedimente am Meeresboden, in denen zahlreiche Bakterien leben, wirken wie ein riesiger biologischer Filter für verschiedene Substanzen im Wasser.
Wir wollen herausfinden, wie die Gemeinschaft der Mikroorganismen mit den extremen Jahreszeiten in der Arktis umgeht und wie eng das Leben im Meeresboden mit dem darüberliegenden Wasser verknüpft ist. Das kann uns dabei helfen, die Wege des Kohlenstoffs und anderer Nährstoffe im Ozean besser zu verstehen. Und dazu müssen wir an Bord gehen, um an das eiskalte Wasser und den Sand zu kommen.
Das Wetter gibt den Takt vor
Diesmal zeigt sich Spitzbergen von seiner eher unfreundlichen Seite. Die Temperaturen von bis zu -12°C fühlen sich wegen des starken Windes an wie -20°C und weniger. Generell ist es zumeist sehr windig mit Windstärken häufig um die 5 bis 6 Beaufort; mehrere Stürme ziehen über die Region hinweg. Nichts für schwache Nerven und empfindliche Mägen!
Eine ganze Weile sind wir nicht sicher, ob unser Schiff überhaupt ablegen kann. Flexibilität und Spontaneität sind gefragt! So kommt es, dass ein paar von uns gleich am ersten Tag nach unserer Landung in Longyearbyen an Bord gehen und losschippern, während die übrigen Teammitglieder an Land bleiben und das Labor einrichten. So können wir die kurzen Zeitfenster, in denen das Wetter eine Probennahme zulässt, optimal ausnutzen.
"Schlimmer geht immer!"
Insgesamt können wir an drei Tagen mit dem kleinen Forschungsschiff MS Farm ablegen, Messungen durchführen und Proben sammeln – jedes Mal bei sehr unterschiedlichen Bedingungen.
An unserem zweiten Tag auf See ist es beispielsweise noch kälter als am ersten. Auf der Meeresoberfläche bildet sich Schneematsch und sogenanntes Pfannkucheneis. Dieses besteht aus kleinen runden Scheiben aus Eis und bildet sich vor allem bei starkem Wellengang. Die hohen Wellen und das starke Schaukeln des Schiffs machen die Arbeit an Bord an diesem Tag zu einer besonderen Herausforderung. Selbst das Filtrieren des Seewassers wird zu einem Rennen gegen die Zeit: Das Wasser gefriert direkt auf den Filtern! So schnell es geht schnappen wir mit unseren eiskalten Händen alles, was wir brauchen, und machen uns auf den Rückweg in den sicheren Hafen.
Unser dritter und letzter Schiffstag entschädigt uns schließlich mit vergleichsweise milden Bedingungen für die Strapazen der ersten Tage. Bei schlappen -4°C und nur leichtem Wind läuft die Arbeit auf See reibungslos, wir finden einen versöhnlichen Abschluss der Probennahmekampagne.
Oben wie unten: ein dynamischer Meeresboden mit mysteriösen DNA-Bällchen
Im Ozean ist alles miteinander verbunden: Stürme, Wellen und Strömungen verändern stetig die Oberfläche des Meeresbodens und schaffen so wechselnde Bedingungen für Mikroorganismen und andere Lebewesen.
Nach dem ersten großen Sturm finden wir herrlich klare Rippel am sandigen Meeresboden vor. Wir sehen zahlreiche kleine, runde Strukturen im Porenwasser zwischen den Sandkörnern. Sie haben einen Durchmesser von drei bis fünf Mikrometern, kleiner als Feinstaubpartikel. Diese Strukturen enthalten DNA und sind vermutlich einzellige Eukaryoten (Protisten), aber ihnen fehlt die sonst unter photosynthetischen Mikroorganismen weit verbreitete natürliche Fluoreszenz. Wir versuchen nun herauszufinden, wer diese Organismen sind und was sie im Ökosystem machen.
Nach einem weiteren Sturm verändert sich der Meeresboden: An unserem dritten Schiffstag hängt eine Wolke aus Schwebstoffen über dem Grund. Es ist das erste Mal, dass wir dieses auffällige Phänomen beobachten und es gelingt uns sogar, es auf Video zu bannen.
Die Ruhe nach dem Sturm
Kurz bevor unser Forschungsaufenthalt zu Ende war und wir wieder abreisen mussten, zeigt sich Svalbard noch einmal von seiner besten Seite. Das Wetter verbessert sich deutlich. Zum ersten Mal seit unserer Ankunft können wir die Berge und Täler rund um Longyearbyen, die nördlichste Stadt der Welt, deutlich erkennen. Bis dahin war die Landschaft verborgen geblieben hinter Wolken und Schneeflocken. Aber jetzt, bei klarem Himmel, entfaltet die Arktis ihre ganze Schönheit.
Ein wissenschaftlicher Erfolg
Trotz der vielen Herausforderungen ist es uns gelungen, alle geplanten Proben zu sammeln und unsere Feldarbeit wie vorgesehen durchzuführen. Jetzt sind wir zurück am Max-Planck-Institut in Bremen mit einer Fülle von Material und hoffentlich bald auch einigen Antworten auf unsere wissenschaftlichen Fragen.
Nun stapeln sich die Kisten in unserem Lagerraum in Longyearbyen und warten auf unsere Rückkehr. Die nächste Expedition nach Spitzbergen ist für April geplant. Wir halten euch auf dem Laufenden!