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ERC Starting Grant für Dr. Alicia L. Bruzos

03.09.2026
Warum kann Krebs ansteckend werden?

Nur ein Jahr nach der Gründung ihrer unabhängigen Forschungsgruppe am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen hat Dr. Alicia L. Bruzos 2.006.562 Euro vom Europäischen Forschungsrat (European Research Council, ERC) eingeworben. Mit der fünfjährigen Förderung kann sie ihr Labor deutlich erweitern und untersuchen, warum sich manche Krebsarten zwischen Meerestieren übertragen können.

Eine hochkompetitive europäische Förderung

Der ERC Starting Grant zählt zu den wettbewerbsintensivsten europäischen Förderprogrammen für Forschende am Beginn ihrer unabhängigen wissenschaftlichen Laufbahn. Insgesamt wurden 4.807 Anträge für die Ausschreibung 2026 eingereicht; nur 9 Prozent werden in diesem Jahr gefördert. Bruzos erhält über fünf Jahre 2.006.562 Euro für ihr Projekt Bivalve2bivalve, in dem sie die „Ökologie und Evolution horizontal übertragbarer Krebsarten bei Herzmuscheln“ untersucht.

Krebs, der von einem Tier zum anderen wandert

Krebs ist beim Menschen nicht ansteckend: Menschliche Tumoren entstehen aus den körpereigenen Zellen einer Person und werden normalerweise nicht von einem Menschen auf einen anderen übertragen. Bei einer kleinen Zahl von Tierarten hat die Evolution jedoch eine außergewöhnliche Ausnahme hervorgebracht. Lebende Krebszellen selbst können von einem Tier auf ein anderes übergehen, in einen neuen Wirt eindringen und sich dort weiter vermehren. Solche übertragbaren Krebsarten sind bei Hunden, Tasmanischen Teufeln und mehreren marinen Muscheln bekannt, darunter Miesmuscheln, Venusmuscheln und Herzmuscheln.

Bruzos untersucht diese ungewöhnlichen Krebsarten bei Herzmuscheln. Dort zirkulieren Krebszellen in der Hämolymphe – einer Körperflüssigkeit, die bei diesen Tieren eine ähnliche Funktion wie Blut erfüllt – und können ins Meerwasser abgegeben werden. Der Krebs kann damit das Tier überleben, in dem er ursprünglich entstanden ist, und fortbestehen, indem er sich innerhalb einer Population weiterverbreitet.

„Normalerweise stirbt ein Krebs mit dem Organismus, in dem er entstanden ist. Übertragbare Krebsarten brechen mit dieser Regel“, sagt Bruzos. „Die Krebszellen können ihren ursprünglichen Wirt überleben, durch die Umwelt wandern und ein anderes Tier besiedeln. Sie beginnen, sich fast wie Parasiten zu verhalten.“

Alicia L. Bruzos
Alicia L. Bruzos, Preisträgerin des ERC Starting Grant (Marina Garcia Llorca/Max Planck Institute for Marine Microbiology)

Was macht einen übertragbaren Krebs erfolgreich?

Ihr Projekt Bivalve2bivalve stellt eine einfache Frage: Warum breiten sich manche übertragbaren Krebsarten erfolgreich aus, während andere auf bestimmte Orte oder Wirtsarten beschränkt bleiben? Im Mittelpunkt stehen zwei eng verwandte europäische Herzmuschelarten: die Gemeine Herzmuschel Cerastoderma edule und die Lagunen-Herzmuschel Cerastoderma glaucum.

Das Team wird drei mögliche „Torwächter“ der Übertragung untersuchen. Erstens wollen die Forschenden herausfinden, ob das Immunsystem der Herzmuschel fremde Krebszellen erkennen und beseitigen kann – und wie erfolgreiche Krebslinien dieser Abwehr möglicherweise entkommen. Zweitens untersuchen sie, ob die natürlicherweise mit Herzmuscheln assoziierten Mikroorganismen ein Tier für Krebs empfänglicher oder widerstandsfähiger machen. Drittens testen sie, wie Umweltbedingungen wie Temperatur und Salzgehalt Krebszellen beeinflussen, die auf ihrem Weg von einem Wirt zum nächsten im Meerwasser überleben müssen.

Um diese Fragen zu beantworten, wird die Gruppe Probenahmen an europäischen Küsten mit Mikroskopie, Laborexperimenten, Sequenzierungsanalysen und Umweltmessungen kombinieren. Statt jeden Faktor isoliert zu betrachten, werden die Forschenden die verschiedenen Datenebenen zusammenführen, um die ökologischen Bedingungen zu identifizieren, unter denen ein übertragbarer Krebs fortbestehen und sich ausbreiten kann.

„Wir wollen die ökologische Nische verstehen, die eine Übertragung von Krebs überhaupt ermöglicht“, erklärt Bruzos. „Warum stößt das Immunsystem fremde Zellen in manchen Situationen ab, lässt diese Krebszellen aber in anderen überleben? Kann das Mikrobiom ihnen helfen oder sie behindern? Und was passiert mit einer lebenden Krebszelle, wenn sie Meerwasser durchqueren muss, bevor sie ihren nächsten Wirt erreicht?“

Eine neue Forschungsgruppe in Bremen wächst

Der ERC Grant bringt mehr als 2 Millionen Euro europäische Forschungsförderung nach Bremen und ermöglicht Bruzos, die Forschungsgruppe Marine Transmissible Cancers auszubauen, die sie im September 2025 am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie gegründet hat. Die Förderung finanziert vier zusätzliche Teammitglieder sowie die Feldarbeit, Laborexperimente und die umfangreiche Erzeugung genomischer, transkriptomischer und mikrobiombezogener Sequenzierungsdaten, die für das Projekt erforderlich sind.

Mit 33 Jahren leitet Bruzos bereits ein unabhängiges Labor – vier Jahre nach Abschluss ihrer Promotion in Spanien. Vor ihrem Wechsel nach Bremen forschte sie als Postdoktorandin am Francis Crick Institute und am University College London im Vereinigten Königreich sowie an der Université de Caen Normandie in Frankreich. Mit ihren bisherigen Arbeiten trug sie sowohl zur Entdeckung eines übertragbaren Krebses bei, der zwischen zwei Muschelarten übergesprungen ist, als auch zur Genomforschung an menschlichen Krebsarten im Rahmen des International Cancer Genome Consortium (ICGC) und des Cancer Genome Atlas (TCGA).

Von Minerva Fast Track zum ERC

Bruzos kam über das Minerva Fast Track-Programm zur Max-Planck-Gesellschaft. Das Programm unterstützt herausragende Wissenschaftlerinnen in einer frühen Karrierephase dabei, ihre erste unabhängige Forschungsgruppe aufzubauen, und ist Teil der Strategie der Max-Planck-Gesellschaft, den Anteil von Frauen in wissenschaftlichen Führungspositionen zu erhöhen. Es bietet bis zu vier Jahre Finanzierung, wissenschaftliche Unabhängigkeit und Karriereentwicklung in einer Phase, in der dauerhafte Leitungspositionen noch selten sind.

Für Bruzos schuf Minerva Fast Track die Grundlage, ihr Labor in Bremen zu eröffnen und vorläufige Daten zu erheben, aus denen sich dieses ERC-Projekt entwickelte. Der neue Grant ermöglicht es der Gruppe nun, ihre Forschung bereits ein Jahr nach der Gründung in deutlich größerem Maßstab fortzuführen.

„Das Minerva Fast Track-Programm soll außergewöhnliche Wissenschaftlerinnen frühzeitig identifizieren und ihnen die Unabhängigkeit und Ressourcen geben, die sie benötigen, um ihre eigene Forschungsvision zu entwickeln, während sie gleichzeitig Mentoring und Unterstützung erhalten“, sagt Nicole Dubilier, Direktorin der Abteilung Symbiose am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie und Mentorin von Bruzos. „Alicias ERC Starting Grant, nur ein Jahr nach der Gründung ihrer Gruppe in Bremen, ist ein Beispiel dafür, was eine solche Unterstützung ermöglichen kann. Ihr Projekt passt zudem hervorragend zu den Stärken unseres Instituts in den Bereichen Symbiose, Mikrobiologie und Meeresforschung.“

„Das Umfeld bei Max Planck war für mich entscheidend“, sagt Bruzos. „Nicole hat mich dabei unterstützt, mit Minerva Fast Track den ersten Schritt in die wissenschaftliche Unabhängigkeit zu gehen, und begleitet mich weiterhin als Mentorin beim Aufbau meiner Gruppe. Ich bin außerdem Rudolf Amann und Jean-Baptiste Raina sehr dankbar, die sich gemeinsam mit Nicole im vergangenen Jahr viel Zeit genommen haben, mich auf den ERC-Antrag und das Interview vorzubereiten. Neben der wissenschaftlichen Infrastruktur habe ich hier ein außerordentlich unterstützendes Umfeld gefunden.“

Ein natürliches Experiment zur Evolution von Krebs

Für Bruzos liegt der übergeordnete Wert des Projekts darin, was diese ungewöhnlichen marinen Krebsarten über grundlegende biologische Regeln verraten können. Die meisten Krebsarten können außerhalb des Individuums, in dem sie entstehen, nicht überleben, und selbst übertragbare Krebsarten bleiben in der Regel auf eine bestimmte Wirtsart beschränkt. Herzmuscheln bieten daher ein natürliches Experiment, um Immunflucht, Metastasierung, Artbarrieren und Krankheitsökologie in realen Ökosystemen zu untersuchen. „Diese Krebslinien entwickeln sich seit vielen Generationen im Meer weiter“, sagt Bruzos. „Wenn wir verstehen, warum manche überleben und sich ausbreiten, während andere scheitern, können wir mehr über die Barrieren lernen, die Krebs normalerweise auf einen einzelnen Körper begrenzen. Genau das macht dieses System so faszinierend.“

Über den ERC Starting Grant

Der Europäische Forschungsrat unterstützt wissenschaftsgetriebene Spitzenforschung in allen Disziplinen. ERC Starting Grants richten sich an exzellente Forschende, die am Beginn eines eigenen unabhängigen Forschungsprogramms stehen. Sie bieten bis zu fünf Jahre Förderung, um ambitionierte Forschungsideen mit hohem Risiko und hohem Erkenntnispotenzial zu verfolgen und Forschungsteams in Europa aufzubauen.

Rückfragen bitte an:

Wissenschaftlerin

Minerva Fast Track Fellowship für übertragbare marine Krebserkrankungen

Alicia Lopez Bruzos

MPI für Marine Mikrobiologie
Celsiusstr. 1
D-28359 Bremen

Raum: 

2251

Telefon: 

+49 421 2028-8888

Alicia Lopez Bruzos
 
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